Heutige Arbeitgeber setzen auf Work-Life-Balance. Angesichts des Fachkräftemangels verwöhnen viele auch ihre Beschäftigten mit Incentives, damit sie bleiben. Darf man also schon im Bewerbungsgespräch entsprechende Forderungen stellen? Es könnte nach hinten losgehen …

An zwei Tagen pro Woche hätte er gern schon nach sechs Stunden frei, um es rechtzeitig zum Yoga zu schaffen – Mit dieser Forderung schoss sich ein Bewerber ins Aus, als es um ein mögliches Praktikum in einer Online-Marketing-Agentur ging. Für Geschäftsführer Mathias Keswani war es auch Grund genug sich dazu zu entschließen, „erst einmal keine Praktikanten der Generation Z einstellen“, berichtet die „Welt“ vom Unmut des Agenturchefs. Nach dessen Auffassung hat diese Generation, zu der im Zeitraum 1995 bis 2010 geborene Personen zählen, offenbar generell zu hohe Ansprüche an potenzielle Arbeitgeber. Darüber lässt sich diskutieren, wie bereits Kommentare im Netz zeigen.

Was im Bewerbungsgespräch angemessen ist

Zudem könnte man meinen: Ein angehender Praktikant sollte sich ohnehin nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Doch genauso gab es schon Fälle von Akademikern, die sich mit Forderungen nach etwa einem Sabbatical im Bewerbungsgespräch gleich ins Aus schossen. Kann man daraus folgern, dass Bewerber/innen sich generell zurückhalten sollten? Oder zeugt es nicht eher von Selbstbewusstsein, etwas forscher aufzutreten? Zumal: Spätestens, wenn es um das Gehalt geht, sollte man sich doch nicht unter Wert verkaufen – oder?

Es hängt vom Marktwert ab

Pauschale Empfehlungen sind hier weniger sinnvoll, so die Einschätzung von Experten. Wie weit Bewerber gehen können, hängt auch vom eigenen Marktwert ab – und der wiederum von verschiedenen Faktoren. In Branchen mit Fachkräftemangel etwa ist ein Auftreten nach dem Motto: „Ihr Unternehmen braucht Leute wie mich, also darf ich auch einiges erwarten“ eher angesagt (wobei man es natürlich diplomatischer formulieren sollte). Auch die mitgebrachte Berufserfahrung spielt eine Rolle.

Berufserfahrung als Maßstab

„Wer als Einsteiger auf dicke Hose macht, blitzt aus Prinzip ab“, sagte etwa Martin Wehrle, Karrierecoach und Autor etlicher Fachbücher, gegenüber der „Wirtschaftswoche“. Nach seiner Einschätzung ist eine wichtige Aufgabe der Bewerbung, „dass man Erfahrungen nachweist, zum Beispiel durch Praktika oder durch berufsnahe Seminararbeiten“. Wer noch nie etwas in der entsprechenden Branche geleistet habe, brauche auch nicht auf ein hohes Gehalt hoffen. Demnach ist Praxisbezug das beste Argument für einen stolzen Preis.

Fingerspitzengefühl mitbringen

Auch kommt es darauf an, seine Vorstellungen im passenden Moment zu äußern. Denkbar ungeeignet ist laut weiteren Expertenmeinungen, schon im Anschreiben eigene Forderungen aufzulisten. Also lieber bis zum Bewerbungsgespräch damit warten und dann Fingerspitzengefühl beweisen. So kann es sich als taktisch klüger erweisen, Fragen zu stellen anstatt fordernd aufzutreten:  „Wie flexibel könnte ich bei Ihnen arbeiten? Wäre es auch teilweise im Homeoffice möglich?“ klingt ganz anders als „Also bei mir geht es nur mit Flexibilität, sonst kommt die Familie zu kurz!“ Und: An der Reaktion der Personaler auf solche Fragen lässt sich ermessen, ob es schlau ist weiter nachzuhaken – oder es doch lieber vorerst auf sich beruhen zu lassen.

Geben und nehmen

Zum geschickten Vorgehen gehört es auch, sich kompromissbereit zu zeigen. Eine alleinerziehende Mutter etwa, die an einigen Tagen früher gehen möchte, könnte im Gegenzug anbieten, einen Teil der Arbeit dann zuhause zu erledigen. Genauso kann es im Bewerbungsgespräch angemessen sein, sich auf ein vorerst etwas niedrigeres Gehalt zu einigen mit der Option, nach einer Einarbeitungszeit noch einmal neu zu verhandeln.

Daumen hoch für Weiterbildung

Generell eher positiv besetzt ist das Thema Weiterbildung. Bei vielen Arbeitgebern kommt es gut man, wenn Bewerber ihr Interesse daran schon frühzeitig verkünden. So sind auch viele Chefs gern dazu bereit, Fortbildungen oder etwa ein berufsbegleitendes Studium zu unterstützen. Doch auch hier gilt: Ein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt, es anzusprechen, sollte man schon haben. Hilfreich kann dabei auch schon ein Blick auf die Homepage des jeweiligen Unternehmens sein. Oft geht daraus hervor, inwieweit Weiterbildung zur eigenen Philosophie gehört.